IWES: Energiewende vergleichbar der Mondlandung – Geschäftsmodell Energiewende

Roding Roadster auf dem Prüfstand in Groß Dölln

Elektromobile Zukunft: Oberleitungs-LKW von Siemens. Foto: Siemens AG.

Die deutsche Energiewende gleicht einem „Herkulesprojekt“, industriepolitisch viermal größer als die Mondlandung der Amerikaner, so das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES).  Das IWES hat unter dem Titel „Geschäftsmodell Energiewende“ bereits im Januar 2014 eine Studie vorgelegt, vielmehr einen detaillierten und gerechneten „Master-Plan“ für den Weg zur erneuerbaren Vollversorgung bis 2050.

Die Autoren, Fraunhofer-Wissenschaftler allesamt, trauen sich, die Energiewende jenseits aller Kostendiskussionen und Legislaturperioden vom erfolgreichen Ende rückwärts zu denken. Ausgehend von der aktuellen Situation beschreiben sie ein gangbares, finanzierbares Szenario.

Allen Lesern sei der gesamte Text „Geschäftsmodell Energiewende“ und die begleitenden Texte auf Webseite zur Lektüre empfohlen. http://www.herkulesprojekt.de/

Ich selbst erlaube mir, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, einige besonders spannende Punkte anzusprechen.

Energiewende möglich – und lukrativ!
Technisch und finanziell sei die Energiewende bis 2050 nicht nur möglich, so die Kernbotschaft der Wissenschaftler, sondern ein „hoch attraktives Geschäft mit enormen Gewinnmöglichkeiten“. Allerdings erfordere das eine Transformation des gesamten Energiesektors, den es sorgfältig zu planen gelte, um Fehl-Investitionen zu vermeiden.

Vollversorgungsszenario 2050
Ausgehend von einem Vollversorgungsszenario 2050 wird detailliert beschrieben, welcher EE-Energiemix zukünftig sinnvoll erscheint und welche Konsequenzen das für die systemtechnischen Infrastrukturen haben wird.­­

1000 TWh Endenergie für Deutschland
Zunächst muss der Energieverschwendung Einhalt geboten werden: Statt der heute ineffizient verbrauchten 4000 TWh Primärenergie sollen in 2050 1000 TWh den gesamtwirtschaftlichen Bedarf zu 100% erneuerbar erzeugt decken.

1.200 Milliarden Euro
Gigantische 1.200 Milliarden Euro, über die nächsten 30 Jahre jährlich 40 Mrd., rund 1% des Bruttoinlandsprodukts, wird die Transformation von der betriebskostenintensiven Technologie (OPEX) in eine kapitalkostenintensive Technologie (CAPEX) kosten – und sich gerade deshalb lohnen!

Langfristige Investition, die sich rechnet
Die Finanzierbarkeit des Gesamtprojekts sei auch unter konservativen Annahmen (d.h. ohne steigende Brennstoffpreise und CO2-Schadenskosten) möglich, betonen die Autoren, die Investition verzinsten sich im Gesamtzeitraum je nach Betrachtung mit 2,3% (inflationsbereinigt), bei deutlich steigenden Preisen für Öl und Gas auf bis zu 6,7%. Renditen also, die gerade für langfristig orientierte institutionelle Investoren wie Versicherungen und Rentenfonds, durchaus interessant seien. Die gute Nachricht für den privaten Energieverbraucher: die Energiepreise müssen dafür nicht explosionsartig steigen, am Ende werden sie vermutlich sogar deutlich niedriger liegen als heute.

Windenergie und Photovoltaik
Die Fraunhofer-Wissenschaftler sind sich sicher: Bei der Transformation des Energiesystems werden Windenergie und Photovoltaik die künftigen Primärenergiequellen darstellen.

EE-Strom statt Öl
Denn erst der konsequente Ausstieg aus dem teuren Öl mache das Gesamtprojekt Energiewende gesamtwirtschaftlich finanzierbar.  Besonders „Wärme- und Mobilitäts-Dienstleistungen“ sollen dafür in den Strombereich verlegt werden.

Netzkonformer EE-Ausbau
Systemtechnisch Grundvoraussetzung für das Gelingen der Energiewende ist, so die Studie,  der netzkonforme EE-Ausbau. Was lapidar klingt, birgt politischen Sprengstoff, schlicht weil der Ausbau derzeit eben alles andere als netzkonform verläuft. Der künftige Zubau an PV-Freiflächenanlagen und Windräder muss dort stattfinden, wo der EE-Strom wirklich gebraucht wird, gemanagt von einem intelligenten Stromnetz (Smart-Grid).

100% Elektromobilität
Das bedeutet 100% Elektromobilität im Privatbereich, aber auch, hier wird der Text visionär, den Ausbau vielbefahrener Autobahnstrecken für Oberleitungs-LKW, deren Prototypen z.B. Siemens 2012 auf dem Electric Vehicle Symposium in Los Angeles (Foto) vorgestellt hat.

Abwrackprämie für Heizungen, 75% Wärmepumpen
Auch was die Zukunft der Heizung angeht,  haben die Autoren eine klare Vorstellung: „Die Wärmepumpe für den Niedertemperatureinsatz hebelt Umgebungswärme durch Einsatz von Strom typischerweise  im Verhältnis 1:3,5.“ Mit einer Abwrackprämie soll ein Anteil von 75% Wärmepumpen im Niedertemperaturbereich (Raumwärme und Warmwasser) erreicht werden.  Power-to-Heat (Tauchsieder-Prizip) für den Hochtemperaturbereich.

Master-Plan oder Planwirtschaft?
Der vorgelegte „Master-Plan“  ist für die Autoren keinesfalls Ausdruck einer Planwirtschaft. Sondern Ultima Ratio, von der Vernunft geboten. Ausgangspunkt für ein gemeinsames nationales (!) Herkulesprojekt, getragen von Wissenschaft, Politik und Bürgern in der Überzeugung gemeinsam sogar Visionäres leisten zu können: die erneuerbare Vollversorgung einer Industrienation.

 zwischenrufer / 27.05.2014

 

One thought on “IWES: Energiewende vergleichbar der Mondlandung – Geschäftsmodell Energiewende
  1. Auch wenn ich mich wiederhole: Im Konsens gegen etwas sind wir Deutschen erfahren, nationale Alleingänge und Master-Pläne sind hingegen bislang immer schief gegangen.

    Die Energiewende, verstanden als erneuerbare Vollversorgung, ist technisch vermutlich realisierbar. Die Wissenschaftler von IWES behaupten sogar, sie würde sich rechnen.

    Meine Skepsis gilt nicht der Technik, sondern der „Leistungsfähigkeit“ unseres politischen Systems. Vermutlich ist der Ausstieg aus der Atomenergie mittlerweile der größte gemeinsame Nenner der Deutschen. Darüber hinaus sind wir keinen Schritt weiter!

    Tatsächlich ist doch kein einziger Politiker, keine Persönlichkeit und keine Partei in Sicht, die sich das nationale Projekt Energiewende in aller Konsequenz anzöge. Angela Merkel, immerhin von 1994-1998 Bundesumweltministerin, schweigt und regiert, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat bisher offensichtlich weder Chance noch Dimension erkannt.

    Lieber Sigmar Gabriel, bitte lesen Sie „Geschäftsmodell Energiewende“ und verkaufen sie, von mir aus und das Einverständnis der Autoren vorausgesetzt, ab sofort die Abwrackprämie für Ölheizungen als eigene Idee. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre getan.

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